Tradition

Die technische Kenntnis und die Erfahrung aus fünf Generationen, ganz der Nautik gewidmet.

Die Modernität und die Leistungsfähigkeit einer jungen Betriebsleitung, welche die technologische Entwicklung immer im Auge behält.

 
"Opa Bindi" ist der Name, unter dem Bernardino Feltrinelli im Gedächtnis geblieben ist. Er lebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und war Gründer der gleichnamigen Bootswerft, die bis heute in Gargnano (BS) an den Ufern des Gardasees fortbesteht.

Wir sind im Jahr 1870. Der erste wirkliche Sitz der Werft, wenn man sie schon so bezeichnen kann, befindet sich in einer Lagerhalle in der Nähe eines Werkzeugschuppens in Castello, einem Strand unweit von Gargnano.

Nachdem er seine Tätigkeit als Fischer aufgegeben hat, beginnt Bindi von Haus zu Haus zu ziehen, um zusammen mit seinem Sohn Egidio Boote zu reparieren und zu bauen. Nach einigen Jahren gemeinsamer Arbeit trennen sich aber ihre Wege. Egidio beginnt auf eigene Rechnung zu arbeiten und konstruiert große Lastkähne mit Lateinsegel, die auf dem See zum Gütertransport von Hafen zu Hafen eingesetzt werden.

Bindi aber zieht weiter herum und repariert Boote im Akkordlohn. Im Zusammenhang damit erzählt man sich noch heute eine Anekdote: Bindi hielt sich gerade als Schiffszimmermann bei einer Familie in Torbole auf. Es war üblich, dass der Arbeiter in das Haus des Kunden kam, der ihn bestellt hatte. Dort wurde er mit Essen und Trinken verpflegt und erhielt auch eine bescheidene Entlohnung. Als Gegenleistung baute er die "bissa" (das typische Boot der Fischer am Gardasee, etwa sechs Meter lang und mit gleichem Bug und Heck in der Art eines Kanu), vom Fällen des Baumes im Wald bis zum eigentlichen Stapellauf.

Der größte Kostenfaktor war sicherlich die Verpflegung der Person, noch dazu da Bindi das Essen liebte und noch mehr den guten Wein. Nach einigen Monaten der Arbeit wurde Bindi gefragt, ob denn das Boot endlich fertig wäre.

Er antwortete darauf, dass nur noch der Innenboden fehlte. Darauf wurde ihm in breitem Dialekt geantwortet: "Signor Feltrinelli, lassen wir den Innenboden bleiben, sonst müssen wir noch unsere Fischereiausrüstung verkaufen um sie bezahlen zu können und dann brauchen wir kein Boot mehr!"

Als sich der erste Weltkrieg ankündigt, emigriert der Sohn Egidio in die USA, nach Florida, wo er in verschiedenen Werften arbeitet. 1919, nach Ende des Krieges kehrt er nach Gargnano zurück und erwirbt das Gelände - eine frühere Limonaia (Zytronenhein)- auf dem heute die Werft steht. Hier baut er ein Haus und beginnt, die ersten Rennbote zu konstruieren.Egidio galt zu dieser Zeit als "Herr", war er doch aus Amerika mit Geld zurückgekehrt und hatte sich selbstständig gemacht.

Vom Ausland hatte er die ersten Projekte und Entwürfe für Renngleitboote und Stufenrümpfe (Redan) mitgebracht. Die Entwicklung dieser Bootstypen ermöglichte in den folgenden Jahren die Realisierung der berühmten 3- Punkt-Boote, die Geschwindigkeiten über 120km/h erreichen konnten.

Erste Slipanlage bei Feltrinelli Bootswerft in San Carlo (1922

 

Egidios große Passion für Motorboote ließ ihn zum unumstrittenen und anerkannten Initiator der motorsportlichen Aktivitäten der Familie werden.

Gegen 1930 kam einer der ersten wichtigen Aufträge für die Werft: Der Dichter Gabriele d'Annunzio ließ bei Feltrinelli seine MAS96 (Schiff zur U-Boot-Abwehr), mit dem er heroische Kriegsunternehmungen bestanden hatte, restaurieren. Die MAS war aus Triest mit der Eisenbahn kommend in Peschiera angelangt. Dort wurde sie mit dem Ziel Gargnano zu Wasser gelassen. D'Annunzio ließ in der Werft Feltrinelli, um die MAS96 trocken zu holen, eine größere als die vorhandene Slipanlage errichten. Diese Anlage war die erste am Gardasee für Schiffe über einer gewissen Größe und sie wurde fortan von Feltrinelli für diese Zwecke weiter verwendet.

 

 



Das MAS 96 von Gabriele d'Annunzio: heute befindet es sich im Vittoriale degli Italiani (1930)

 

Der Dichter wurde ein ständiger Besucher der Werft. Die Verbindung wurde so eng, dass er sogar für verschiedene Schiffe, die damals vom Stapel liefen, die Namen auswählte: "Rumba", "Tango" und "Estroso", um nur einige zu nennen. Er hatte auch das Hobby, Patente zu entwickeln. Von Feltrinelli ließ er sich nach seinen Plänen ein Amphibienfahrzeug bauen. Sein MAS befindet sich heute im Vittoriale in Gardone Riviera, im ihm gewidmeten Museum.

Jetzt befinden wir uns in der Zwischenkriegsperiode. Feltrinelli wird zum wichtigsten italienischen Importeur von Johnson-Motoren. Für diese Firma werden zahlreiche Renn-Monotypen realisiert. Es wird auch eine 16 Meter lange Segelyacht für das Königshaus von Spanien gebaut. Zum Bau von Rennbooten kommt die Konstruktion und Wartung von normalen Sportbooten, für die Persönlichkeiten, die sich das damals erlauben konnten. Außer D'Annunzio waren das etwa der Autorennfahrer Tazio Nuvolari, der Graf Theo Rossi von Montelera, die Rennbootfahrer Casinghini und Passarin und, in den fünfziger- und sechziger Jahren, der Graf Acquarone und die Schauspielerin Eleonora Rossi Drago.

Die fünf Kinder von Egidio, Bernardo, genannt Dino, Stefano, genannt Finì, Eligio, Lina und Iolanda sind alle im Familienbetrieb tätig und nehmen aktiv an den Motorbootwettbewerben teil. Vielleicht geht die Begeisterung sogar zu weit, so dass sie nur noch "i macc Feltrinei", die verrückten Feltrinellis, genannt werden.

Noch heute erzählt man sich Anekdoten von den wütenden Krächen vor allem unter den Söhnen von Egidio: Streit entstand aus nichtigen Motiven, provozierte aber die Verwendung von Werkzeugen als gefährliche Wurfgeschosse. Spuren davon sind in der Werft in Gargnano noch heute zu sehen! Im Salon des "Club House", Aufenthaltsort für Kunden und Freunde von Feltrinelli, sind zahlreiche Pokale ausgestellt. Sie wurden von den Feltrinellis bei Wettbewerben zwischen 1920 und 1931 gewonnen. Ausgestellt sind weiters ein 1931 gebautes normales Sportboot vom Typ "Johnson" sowie einige verkleinerte Schiffsmodelle ebenfalls aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, die die Produktion der damaligen Zeit widerspiegeln.
Die 5 Feltrinellis mit den Pokale, "Miss Garda" und "Mio"

Es gibt den Typ "Corsa" (Rennen), der schon zur damaligen Zeit ein Bugruderblatt hatte, entscheidender Vorteil bei den Wenden um die Bojen.

"Miss Garda"war ein Boot aus dieser Serie und wurde von den Feltrinellis für die wichtigsten Sportwettbewerbe benutzt (Rennen Pavia-Venedig, Rennboottreffen von Paris, Meisterschaft von Lario, usw.....).Man erzählt sich, dass die Söhne von Egidio Feltrinelli ihr Boot auf einen Ochsenkarren luden und zu den Wettbeweben fuhren, während der Vater als bekannte Persönlichkeit im Auto zu den Regatten anreiste. Der Typ "Benaco", sieben Meter lang, als offene oder geschlossene Version, war nach dem Vorbild der Boote zum öffentlichen Personentransport mit einigen Sitzplätzen ausgestattet. Schließlich sind noch der Außenborder "370" in der Rennversion und der Typ "M10", 10 Meter lang und als Arbeitsboot verwendet, ausgestellt.


Dino Feltrinelli fährt sein Rennboot "Lupo"


Außer für Boote begeisterten sich die Feltrinellis auch leidenschaftlich für die Politik. Ihre Zugehörigkeit zur kommunistischen Partei bezahlten sie teuer, indem nämlich 1938 die Werft von den "squadristi" (eine Faschistenoganisation) in Brand gesteckt wurde. Dazu kann Fausto Feltrinelli, Vater von Mauro, Sergiuo und Dino, würdige Nachfolger in der Familientradition in der letzten Generation, eine Anekdote aus den 60-er Jahren erzählen.

Eines morgens kam ein Ex "Faschist" in die Werft und verlangte eine Erklärung, die ihn davon entlasten sollte, dreißig Jahre früher an dem Brandanschlag auf die Werft beteiligt gewesen zu sein. Bei diesem Anschlag war übrigens auch ein carabiniere, der die Attentäter in die Flucht schlagen wollte, verletzt worden.

 

Dino Feltrinelli und "SUO"

 

Der Mann behauptete, nicht an der Aktion beteiligt gewesen zu sein, aber sein Name erschien in den Aufzeichnungen seiner Kameraden, durch die alles ans Licht kam. Sie hatten ein Register angelegt, in denen fein säuberlich alle ihre Untaten zum Schaden derer, die nicht so dachten wie sie, verzeichnet waren. Anlässlich des Brandanschlages hatte besagter Mann die Rolle des "Aufpassers" übernommen. Er kontrollierte die Bar in Gargnano, in der sich die Feltrinellis für gewöhnlich aufhielten, um seine Kumpane vor einer eventuell vorzeitigen Rückkehr zur Werft zu warnen.

Fausto erzählt immer wieder von der Begebenheit, als die Feltrinellis sich nicht von engstirnigen Erpressungen unterkriegen ließen. 1932, während einer Prämierung, die in Rom am "Altar des Vaterlandes" stattfand, weigerte sich sein Vater, den Pokal entgegenzunehmen. Grund war, dass der Funktionär im schwarzen Hemd, der ihn überreichen sollte, ihn zwingen wollte, in die faschistische Partei einzutreten - wohl wissend, was seine politische Einstellung war. Dino verweigerte die Annahme und kehrte nach Gargnano zurück. Die Jahre vor dem zweiten Weltkrieg sehen also die Feltrinellis als politisch Verfolgte. Das ging soweit, dass der Großvater von Fausto nach Bracciano flüchten musste. Er kam dort bei der Werft Donati unter, wo Landungsboote für die Marine gebaut wurden. Ein Verbleiben in Gargnano war unter dem herrschenden Regime unmöglich geworden. Dino ließ auch seine Söhne und andere Familien vom Gardasee nach Bracciano nachkommen. Hier konnten sie in Ruhe arbeiten, da sie nicht bekannt waren. Das ging aber nur so lange gut, bis eine der Familien in einem Verhör durch die Funktionäre zugab, dass die Feltrinellis "gefährliche Exponenten der kommunistischen Partei" seien. Zu allem Unglück hielt sich damals gerade Mussolini zu einer Rede in Bracciano auf. Die Feltrinellis wurden verhaftet und in das Gefängnis "Regina Coeli" gebracht. Die Haft dauerte gut 21 Monate, bis sie schließlich ein Freund der Familie mit Hilfe von D'Annunzio frei bekommen konnte.

 

 

Die Feltrinellis bei Altare della Patria, Roma, 1932

 

Um den alliierten Bombenangriffen zu entgehen, kehrt Fausto, damals noch ein Junge, zusammen mit der Mutter und zwei Brüdern im Zug von Bracciano nach Desenzano zurück. Die Reise dauert neun Tage. Um sich etwas zu kochen und um sich ein wenig zu wärmen, "organisieren" sie Kohle vom letzten Waggon des Güterzuges, mit dem sie reisen. Nach einem Jahr vereinigt sich die Familie wieder am See von Bracciano und bleibt dort bis 1946. Trotz der durchgemachten Kriegsjahre, der Verfolgungen und der Opfer, sind mit den heraufziehenden 60-er Jahren die Feltrinellis und die Werft wieder voll aktiv. Der Ruhm und der Ruf aus den Anfangsjahren sind zwar verblasst, aber Fausto selbst nimmt tatkräftig die Geschicke des Betriebes in die Hand. Fausto war schon als Fünfzehnjähriger von zuhause ausgerissen, um einem Wanderzirkus zu folgen. Dann arbeitete er als Raupen- und Caterpillarfahrer in der Schweiz und Afrika, später für Eni in Gela, Terni, Pontedecimo und Vasto. Schließlich beschloss er, sich entsprechend seiner Veranlagung selbständig zu machen. Mit erspartem Geld kehrt er nach Gargnano zurück und übernimmt den Betrieb der Onkel. Er findet die Werft voll gestopft mit unverkäuflichen alten Booten, die fast nichts wert sind (darunter ein Innenborder von Mussolini in Mahagoni, 6,5 Meter lang mit einem Motor von Chris Craft).
 

Die zündende Idee, wie man Platz schaffen könne, kommt vom Rechtsanwalt Luigi Nuvolari aus Mantua, Neffe des bekannten Tazio. Es wird eine Zeitungsanzeige aufgegeben, mit der alle Boote zum Verkauf zum Einheitspreis von 100.000 Lire pro Stück angeboten werden. Wer zwei Boote kauft, erhält ein drittes geschenkt. Die Aktion wird ein voller Erfolg, alle Bote werden verkauft. Viele davon konnte man später auf dem Fluss Po fahren sehen. Auch vom Boot von Mussolini weiß man, dass es als Zugschiff auf dem Po eingesetzt wurde. Der Unternehmergeist von Fausto mit seine Ehefrau Palmina führt dazu, dass er auch den elterlichen Betrieb wieder erwirbt. So kann er die Erbstreitigkeiten, die im Schoß der Familie entstanden waren, überwinden. Die Familie hatte mit dem Trend der Zeit nicht Schritt gehalten und weiterhin nur Boote aus Holz gebaut. Außerdem waren zunehmend Dienstleistungen gefragt: Assistenz, Service, Wassern der Boote etc....Genau darum kümmert sich Fausto.

 

Slipanlage, Palmina Silverii und ein Renn-Aussenborder (1971)



Den Zug der Zeit zu erkennen ist genau das, was seine Vorfahren Jahrzehnte früher auch schon machten. Die Werft Feltrinelli war tatsächlich eine der ersten in Italien, die eine professionelle Unterbringung der Boote anbieten konnte. Eine der frühesten Rechnungen für die Bootsunterbringung vom 4. August 1932 wird noch heute sorgfältig gehütet. Der Text lautet: Dem Herren Eigentümer des Motorbootes "Moa", Herein- und Herausheben des Bootes 100 Lire, Unterstellen in der Werft vom 18. Dezember 1931 bis zum 22. Juli 1932, 208 Tage, der Tag zu 2 Lire, zusammen 416 Lire, gekauft ein Kanister Benzin um das Boot nach Gardone zu bringen 33,15 Lire, Summe 548,15 Lire, Steuermarke 50 Lire.

 

Beton-Steg mit 5 Tonnen-Kran (1975)

 

In über einem Jahrhundert seines Bestehens hat sich die Werft Feltrinelli vorwiegend mit Motorbooten befasst. Es ist jedoch unmöglich, nicht von der weltweit bekannten jährlichen Segelregatta "Centomiglia", die in Gargnano startet, beeinflusst zu werden. Die Segelboote gewinnen deshalb Raum in den Projekten der drei Söhne von Fausto und Palmina: Mauro, verantwortlich für den Bereich Verwaltung und Rechnungswesen; Sergio mit dem Diplom des Nautischen Instituts zu Genua und würdiger Nachfolger für die in der Familie traditionellen Holzarbeiten und Dino, geprüfter Mechaniker.
​Unter den Arbeiten, die es wert sind, hervorgehoben zu werden, ist die akkurate Restaurierung der "Sindbad", einem 40 Quadratmeter Schärenkreuzer von 1922 und der Wiederaufbau der "Volpina V", letzte 5.50 S.I., die von Carcano für den großen Zeno Peretti-Colò geplannt wurde.